Planet Diversity: Kontrastprogramm zur UN-Konferenz
Zur Gegenveranstaltung, dem „World Congress on the Future of Food and Agriculture“, hatten 80 Bauern, Entwicklungs-und Umweltorganisationen aufgerufen. Rund 6000 Menschen demonstrierten in einem fantasievollen Zug und in einer Kundgebung vor dem Tagungsort der offiziellen Konferenz gegen Gentechnik und für Biodiversität. Bis 16. Mai berieten 500 Teilnehmer aus 90 Staaten weltweit über Maßnahmen für eine nachhaltige Zukunft.
„Vielfalt muss leben, um erhalten zu bleiben und sich fortzuentwickeln. Sie lebt und gedeiht nur in und mit der Vielfalt der Kulturen dieses Planeten: Wir sind die Vielfalt!“ Dieses Motto, das Benedikt Haerlin(im Bild Mitte) von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Save our Seeds und verantwortlich für die Organisation von Planet Diversity vertrat, wurde sowohl auf der Demo als auch beim Festival der Vielfalt deutlich. Unterschiedlichste Gruppierungen dokumentierten mit ausgesprochen kreativen und z.T. sehr aufwändigen Verkleidungen, Transparenten, Musik, künstlerischen Darbietungen und internationalen Essensspezialitäten Verschiedenartigkeit und erhoben damit gleichzeitig den Anspruch, diese bunte Mannigfaltigkeit zu bewahren und leben zu wollen.
Ein Trecker-Korso (Bild) und der bunte Zug zum Tagungsort der UN-Konferenz sowie die gute Stimmung bei der Kundgebung und die insgesamt friedliche Atmosphäre machten die Entschlossenheit des internationalen Netzwerkes deutlich. Die Medienresonanz war groß. Das dürfte u.a. auch der langen Liste der national und international bekannten Referenten zu verdanken sein: Vandana Shiva, die Trägerin des Alternativen Nobelpreises aus Indien, Percy Schmeiser, kanadischer Bauer und Kämpfer gegen Monsanto-Methoden, Botschafter aus Bolivien und Afrika, Vertreter der deutschen und europäischen Politik, aber auch Anti-Gentech-Aktivisten und betroffene Bauern.
Die Botschaft war deutlich: Die Vielfalt ist massiv bedroht und mit ihr das Überleben hunderttausender von Existenzen. Die Notwendigkeiten wurden ebenso klar formuliert: Eine radikale Wende in der Agrarpolitik hin zu einer vielfältigen ökologischen, gentechnikfreien und fairen Landwirtschaft. Bereits im Vorfeld artikulierte Bund-Vorsitzender Hubert Weiger unmissverständlich seinen Appell an die Politik: „Wir fordern die Bundesregierung auf, den Schmusekurs mit den großen Gentechnikkonzernen aufzugeben und sich für verbindliche internationale Haftungsregeln einzusetzen.“ In den Entwicklungsländern sind Bauern den möglichen Schäden und Verunreinigungen ihrer Ernten durch gentechnisch veränderte
Organismen bisher recht-und schutzlos ausgeliefert.
Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft machte darauf aufmerksam, dass Gentechnik Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichte und zu agrarindustrieller Landwirtschaft führe. „Das trägt nicht zur Ertragssteigerung und erst recht nicht zur Ernährungssicherheit bei“, erklärt er. Er rief bei der Demo-Kundgebung dazu auf, im Widerstand nichtnachzulassen, und machte Mut: „Wir werden es schaffen.“ Dass Öko-Landbau Lösungen hat, ist Fakt. Das betonte IFOAM-Präsident Gerald A. Herrmann noch einmal: „Der biologische Landbau und andere Formen agro-ökologischer Landwirtschaft beweisen gerade in den Ländern des Südens, dass eine radikale Reduktion von Gift-und Energieeinsatz, ohne Verlust an Nährwert, aber mit hohem Gewinn für die ländliche Entwicklung ,möglich ist.“
Viele große und kleine Initiativen aus vielen Ländern der Welt präsentierten ihre Arbeit und ihre Ideen auf dem weitläufigen Gelände der Bonner Rheinauen (Bild). Wo sich bis in die Abendstunden nach Angaben der Veranstalter rund 15.000 Menschen informierten, Erfahrungen austauschten, das Bühnenprogramm verfolgten und die gute Stimmung genossen. Die Teilnehmer des Planet Diversity Festivals waren aus über 90 Nationen angereist. In den Entwicklungs-und Schwellenländern sind die Auswirkungen abnehmender Vielfalt, der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Anwendung gentechnisch veränderter Pflanzen
größtenteils verheerend, das wurde aus Berichten Betroffener deutlich. Die Appelle waren eindringlich und haben hoffentlich möglichst vielen, die sich noch nicht mit der Materie auseinandergesetzt haben, einen Denkanstoß gegeben.
Die Planet Diversity-Konferenz sollte auch während der Beratungen von der Vielfalt leben: Die Veranstaltung stand allen offen, die sich für eine lebenswerte Zukunft interessieren. An den Nachmittagen gab es 27 Workshops, die sich mit allen Facetten der Landwirtschaft und Ernährung beschäftigten. Neben dem Thema Gentechnik, Auswirkungen und Haftungsfragen standen auch die komplexen Themen Biodiversität und Agrotreibstoffe auf dem Programm. Es ging um die Perspektiven des Bio-Landbaus, des fairen Handels, um Saatgut und um vieles mehr. Am Ende des „Gegengipfels“ stand ein Manifest mit den Forderungen der Planet-Diversity-Konferenz. Die Tradition, der offiziellen zweijährlich stattfindenden UN-Konferenz eine Veranstaltung von Nichtregierungsorganisationen an die Seite zu stellen, empfanden die durchführenden Verbände als dringende Notwendigkeit, denn der Druck der Lobbyisten aus der globalen Wirtschaft ist nach wie vor riesig.
Kommentar:
Biodiversität: Ökologisch und ökonomisch ein Muss
Dass die Artenvielfalt aus ökologischer Sicht erhalten werden muss, ist eigentlich schon lange klar, auch in der Politik. Auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wurde ein Abkommen verabschiedet, das bislang 175 Staaten unterzeichnet haben. Die USA weigern sich allerdings noch immer. Die Unterzeichnerstaaten dokumentieren in Folgekonferenzen ihren guten Willen, doch von einer Umsetzung des Abkommens ist man auch 16 Jahre nach der Unterzeichnung noch weit entfernt. Wenn sich die Staatengemeinschaft schon nicht um der Natur und der Menschen willen zu einer Einigung durchringen kann, nimmt sie womöglich die ökonomische Seite der biologischen Vielfalt ernst.
Rechtzeitig zur Biodiversitätskonferenz vom 19. bis 30. Mai 2008 in Bonn ermittelte Pavan Sukhdev im Auftrag der Bundesregierung und der EU-Kommission den ökonomischen Faktor der Biodiversität und kam auf erstaunliche Zahlen. Der Leiter der Abteilung „Globale Märkte“ der Deutschen Bank errechnete mit seinem Team und zusammen mit dem ehemaligen Chef-Ökonom der Weltbank Nicholas Stern, dass die Naturschutzgebiete weltweit jährliche Leistungen im Wert von fünf Billionen Dollar erbringen. Im Vergleich dazu erwirtschaften Auto-, Stahl-und Software-Industrie weltweit nur einen Betrag von rund drei Billionen Dollar. Zu hoffen ist, dass die Politiker schneller in Gang und zu konkreten nachhaltigen Beschlüssen kommen, wenn der ökonomische Faktor nun so deutlich wird und mit ins Spiel kommt. „Money makes the world go round“ – in diesem Fall mit positivem Vorzeichen. Bleibt jedoch die Gefahr, dass Unternehmen, die dies ebenfalls erkennen, sich die Fakten zunutze machen und dabei noch ihr Image auf Grün trimmen.