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Rücksichtsvoll Handeln - Interview mit Ulrich Walter

new ethics: Hallo Herr Walter! Meine erste Frage betrifft dasThema fairer Handel. Die Ulrich Walter GmbH ist schon seit vielen Jahren Partner von landwirtschaftlichen Projekten in Ländern wie Indien, Ägypten, Mexiko und wurde im Oktober 2003 von der damaligen Verbraucherschutzministerin Renate Künast mit dem Innovationspreis in der Kategorie „Kulturelles und Soziales“ ausgezeichnet. Was war für Sie persönlich die Motivation, so zu handeln und wie sehen zukünftige Schritte aus?
 
Ulrich Walter: Seit der Gründung des Unternehmens vor nun fast 30 Jahren legen wir beim Einkauf der Waren nicht nur Wert auf hohe Qualität aus Bio-Anbau, sondern auch auf  faire Handelspartnerschaften mit den Erzeugern. Das eine ohne das andere ist meiner Meinung nach nicht möglich. Fairness bedeutet bei uns ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe. Wir wollen keine Almosenverteiler sein, sondern unsere Erzeuger für ihre Arbeit und ihre Produkte gerecht  entlohnen, so dass sie sich aus eigener Kraft wirtschaftlich entwickeln können. So sind sie in der Lage, für sich und ihre Familien eine selbstbestimmte Zukunft schaffen zu können. 
Neben langfristigen Abnahmegarantien und fairen Preisen können sich unsere Lieferanten auf eine enge Zusammenarbeit in Sachen Qualität verlassen. Gerade Teepflückerinnen Indiendie gemeinsame Qualitätsarbeit fördert das Know-How in Bezug auf den sachgerechten Bio-Anbau und stärkt die Position des Erzeugers am Markt. Durch diese besondere Art der Handelspartnerschaft erhalten unsere Lieferanten die notwendige Planungssicherheit, um Investitionen zu tätigen. So ermöglichen wir langfristig ein nachhaltiges, wirtschaftliches Wachstum, das positiv in soziale Bereiche hineinwirkt. Das Konzept ist für uns anspruchsvoll und sehr komplex, denn wir müssen uns mit jedem Erzeuger und seiner Situation sehr individuell auseinandersetzen. Das erfordert den direkten Kontakt und die Präsenz vor Ort. Doch die Entwicklungen, die wir bei den Erzeugern sehen, und die Rückmeldungen, die sie uns geben, bestätigen, dass diese Vorgehensweise sinnvoll und erfolgreich zugleich ist.
 
Neben der Gestaltung der Handelspartnerschaften unterstützen wir zusätzlich gezielt Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Situation bei unseren Lieferanten und deren Mitarbeitern. Dazu gehören vor Schulklasse Finca Irlanda Mexicoallem Bildungsprojekte, wie zum Beispiel der Bau und die Unterhaltung einer Schule in Südmexiko. Außerdem helfen wir in Katastrophensituationen wie nach dem Tsunami oder nach den schlimmen Wirbelstürmen, die immer wieder über Mittelamerika toben.
 
Dadurch dass wir den engen Kontakt mit den Handelspartnern pflegen, ergeben sich immer wieder neue Projekte. Zukünftig wird es dabei immer mehr um Maßnahmen im Bereich Klima- und Ressourcenschutz gehen.
  
new ethics: Auch auf lokaler Ebene, z.B. im Kreis Diepholz, und auf nationaler Ebene übernimmt Ihr Unternehmen Soziale Verantwortung. Was machen Sie hier?
 
Ulrich Walter: Bildung und Kultur sind für mich sehr hohe Güter: Nur Menschen, die etwas über die Zusammenhänge in der Welt erfahren und sich entfalten können, können das Leben und damit auch die Bedeutung von gesundem Essen für sich selbst und ihre Umwelt schätzen. Aus diesem Grund unterstützen wir sehr viele Bildungs- und kulturelle Projekte. 
Klasse 2000 Hier in der Region ist das zum Beispiel das Klasse 2000-Projekt. Dies ist ein bundesweites Programm zur Gesundheitsförderung und Suchtprävention in Grundschulen. Seit vielen Jahren ermöglichen wir zwei Klassen im Diepholzer Raum, die Teilnahme an diesem Angebot. Regional beteiligen wir uns außerdem an verschiedenen Kunst- und Musikveranstaltungen und engagieren uns im Agenda-21-Prozess. Bundesweit engagieren wir uns vor allem im Bildungsbereich. So finanzieren wir im Rahmen eines Stifterkonsortiums einen Lehrstuhl für Ernährungsökologie an der Fachhochschule in Münster und einen Lehrstuhl an der Alanus-Hochschule in Alfter.
 
new ethics: Was bedeutet für Sie soziale Verantwortung für Ihre eigenen MitarbeiterInnen? Welche Maßnahmen und Projekte werden hier durchgeführt?
 
Ulrich Walter: Die Angestellten sind für mich kein Mittel zum Zweck, sondern Teil des Unternehmens. Wir wollen sie fordern und fördern, zum gegenseitigen Vorteil. Aus diesem Grund ist zunächst Chancengleichheit ganz wichtig. Um Frauen mit Familie nicht zu benachteiligen, haben wir schon früh Teilzeit- und Homeoffice-Modelle entwickelt. Das wird rege angenommen. Fortbildungen sind ganz wichtig. Sie sorgen für einen Motivationsschub und neues Know-How, das den Mitarbeiter und dadurch auch das Unternehmen nach vorne bringt.
 Ausbildung bei Lebensbaum
Gesundheit hat bei uns ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert. Aus diesem Grund haben wir im Produktionsbereich sehr erfolgreich viele Vorkehrungen getroffen, um die Arbeitssicherheit zu gewährleisten. Mit der AOK sorgen wir außerdem für ergonomisch korrekte Arbeitsplätze, um zum Beispiel haltungsbedingte Schäden vorzubeugen.
 
Seit einigen Jahren haben wir ein Bistro, wo alle Mitarbeiter jeden Mittag vorzüglich bekocht werden – und das ausschließlich mit ökologischen Zutaten.
 
Wir sehen unsere Verantwortung allerdings nicht nur bei den Mitarbeitern. Durch eine für einen Mittelständler hohe Ausbildungsquote und durch viele zum Teil auch bezahlte Praktikumsplätze wollen wir jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben ermöglichen und ihnen gleichzeitig einen Einblick in ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen ermöglichen.
 
new ethics: Nachhaltigkeit mit allen Facetten, wie Schutz der natürlichen Ressourcen, alternative Energiegewinnung, CO²-Reduzierung, ist derzeit in aller Munde. Was macht Ihr Unternehmen in diesen Bereichen?
 
Ulrich Walter: Der praktizierte Bio-Anbau ist zunächst einmal eine der wichtigsten Alternative EnergiegewinnungUmweltschutzmaßnahmen überhaupt: Hier werden Ressourcen wie Wasser und Boden geschont und die CO2-Emissionen im Vergleich zum konventionellen Anbau erheblich gesenkt. Hier machen wir aber nicht Halt: Am Produktionsstandort in Diepholz sind alle Unternehmensabläufe auf einen geringen Ressourcenverbrauch hin optimiert. Das Verwaltungsgebäude ist in Niedrigenergiebauweise entstanden. Die Produktions- und Logistikhallen sind über Standard gedämmt. Da sich auch die Umwelttechnik ständig weiterentwickelt, ist unser Qualitäts- und Umweltmanagement bestrebt, weitere sinnvolle Verbesserungen umzusetzen.
 
Ein besonders gelungenes Projekt ist für mich das Ökostromprojekt, das wir vor einigen Jahren mit den ortsansässigen Stadtwerken initiiert haben. Dadurch wurde regional erzeugter Strom aus Windkraft für Unternehmen und Privathaushalte verfügbar. Wir beziehen inzwischen 100% dieses praktisch CO2-freien Stroms. Einige andere Firmen und etliche Privathaushalte haben sich ebenfalls für diesen Strom entschieden.
Alle Naturstrom-Nutzer zahlen übrigens ein paar Cent pro kWh mehr. Dieses Geld fließt in einen Fonds, aus dem weitere regenerative Stromerzeugungsanlagen finanziert werden. Im Dezember 2007 wurde die erste Photovoltaik-Anlage, die aus diesem Topf bezahlt wurde, am Berufsbildungszentrum in Diepholz eingeweiht. 

new ethics: Viele Menschen sorgen sich um die zurückgehende genetische Vielfalt, die Ausdehnung der Anbauflächen von genmanipulierten Saaten wie Sojabohnen und Mais. Sie wünschen sich stattdessen eine genfreie Zukunft. Wie stehen Sie zu grüner Gentechnik und den damit einher gehendenWir arbeiten ohne Gentechnik Entwicklungen?

Ulrich Walter: Auch wenn wir von unseren Produkten her noch nicht von der Gentechnik betroffen sind, engagieren wir uns für eine gentechnikfreie Landwirtschaft. Gentechnik ist m.E. nicht nur ökologisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich vollkommen indiskutabel. Dort, wo Gentechnik im Einsatz ist, zeigen sich jetzt schon gravierende Veränderungen in der Umwelt und damit auch für die Menschen. Aus diesem Grund muss die Gentechnik in der Landwirtschaft unbedingt gestoppt werden. Ich hoffe, dass die Initiativen, die national und international tätig sind, Erfolg haben werden. In den Netzwerken, in denen ich tätig bin, tue ich das, was in meiner Macht steht, um ein entsprechendes Ergebnis herbei zu führen. 

new ethics: Wie sehen Sie die Verantwortung und den Beitrag der KonsumentInnen in Bezug auf den täglichen Konsum? Kann Konsum ethisch, nachhaltig oder kritisch sein?

Finanzielle Unterstützung der Schule in MexicoUlrich Walter: Wer sich ein wenig mit den Gütern auseinandersetzt, die er kauft, der kann sehr wohl ethisch, nachhaltig oder kritisch konsumieren. Und das ist auch wichtig, schließlich bestimmen die Geldströme, in welche Richtung sich die Wirtschaft und die Gesellschaft entwickeln werden. Das bedeutet, dass jeder mit dem Einkauf auch über seine eigene Zukunft entscheidet. Menschen brauchen also nicht nur davon reden, dass sie die Welt verbessern wollen. Sie können durch den bewussten Konsum, sehr wohl etwas für mehr Umweltschutz und Fairness in der Welt tun. 

new ethics: Zum Abschluss: Herr Walter, Sie sind Vater von zwei Töchtern. Was können wir gemeinsam tun, um unseren Heimatplaneten Erde auch für unsere Kinder, Enkel und weitere Generationen lebenswert, liebenswert und schön zu erhalten?

Ulrich Walter: Ich denke, die meisten Menschen haben inzwischen realisiert, dass wir sorgsamer mit unserem Planeten umgehen müssen. Es geht jetzt darum, wie das passieren soll. Am besten fängt man vor der eigenen Haustür an, anstatt auf große Wunder zu warten oder darauf, dass andere zuerst anfangen. Seit den 60er Jahren leben über 3 Milliarden Menschen mehr auf dieser Erde. Die Experten sagen voraus, dass bis zum Jahre 2050 noch mal ungefähr 3 Milliarden hinzu kommen werden. Dann werden also insgesamt mehr als 9 Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. Das ist fast unvorstellbar. Wir müssen also spätestens jetzt damit beginnen, uns auf diese Entwicklung einzustellen, verantwortungsvoll mit den Ressourcen umgehen und auch im sozialen Miteinander mehr Verantwortung übernehmen. Wahrlich keine leichte Aufgabe, zumal das Leben ja auch Freude bringen soll. Die werden wir zukünftig dann haben, wenn wir gleichzeitig rücksichtsvoll handeln. 

new ethics: Herr Walter, ich danke Ihnen für dieses Interview!

Das Interview führte Rainer Plum

Weitere Informationen rund um das Unternehmen und die Marke Lebensbaum finden sie unter www.lebensbaum.de



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